Donnerstag, 14. Januar 2010

der letzte Tropfen

Er saß in einem Cafe am Markt, als irgendwo auf der Welt der Tropfen fiel, der das Fass zum überlaufen brachte.

Er war eh schon den ganzen Tag über frustriert gewesen. Egal wo man hinsah oder hin las, nichts als Hiobsbotschaften. Ein Wohnhaus mutwillig abgebrannt, 7 Tote, darunter 3 Kinder. Wirtschaftskrise, Massensterben, steigende Armut, Korruption…
Er verstand die Welt und die Menschen nicht mehr. Was einem die Nachrichten und das Fernsehprogramm (besonders das nach 10 Uhr) über die Menschen und ihren Umgang unter und miteinander vermittelte, ähnelt so sehr den Beschreibungen von Sodom und Gomorrha, dass er eigentlich täglich auf den großen Blitzschlag oder ähnlich Spektakuläres wartete, das ihn und Seinesgleichen vom Antlitz der Erde brennen würde.

Als es dann aber heute Mittag endlich soweit war, kam es so unauffällig, dass er es gar nicht bemerkte. Für einen kurzen Moment hatte er ein merkwürdiges Summen im Kopf gehabt, dann gab es einen Ruck, der durch sein Innerstes und durch den Kern der Erde selbst zu gehen schien und die Realität verschob sich. Eine große Ernsthaftigkeit überkam ihn und er wusste endlich, wie er dem ganzen Elend ein Ende bereiten konnte.
In aller Ruhe faltete er seine Zeitung zusammen, legte sie auf das kleine Tischchen und ging los.

Er wusste nicht wirklich, wo er hinging, doch eine schreckliche Sehnsucht, die plötzlich aus seinem tiefsten Inneren erwacht war, wies ihm den Weg. Nach Hause und zur Lösung aller Probleme.

Er war schon einen Tag gewandert und verfiel immer wieder in einer Art Trance. In den wenigen Momenten, in denen er fast zu sich selbst zurückfand, beschlich ihn eine ungute Ahnung, dass etwas an der ganzen Sache nicht stimmte. Wie im Traum nahm er wahr, dass sich der Himmel merkwürdig gelb verfärbt hatte und dass außer ihm noch eine ganze Menge mehr Menschen in dieselbe Richtung wie er wanderten. Viele hatten einen entrückten Ausdruck im Gesicht, andere schliefen sogar im Gehen, ohne jedoch jemals gegen ein Hindernis zu stoßen. Das war es auch, was ihn ein Stück weit in die Realität zurück holte. Er beobachtete, wie ein ca. 9 Jähriges Mädchen, das die Augen eindeutig geschlossen hatte und sich im Tiefschlaf befand, plötzlich immer schneller lief und mit einem unglaublichen Satz über den Graben einer Baustelle sprang, der ihr den Weg versperrte. Das konnte nicht sein. Dieser Erkenntnis folgte die Schwärze, die sich höhnisch grinsend über sein Bewusstsein stülpte und damit fürs Erste den dünnen, glühenden Faden zu diesem kappte.

Als er das nächste Mal erwachte, war es aus Hunger heraus. Wie lange war er schon unterwegs? Er sah sich langsam von rechts nach links um, während seine Beine ihn stetig vorwärts trugen. Mittlerweile waren die Straßen voll von wandernden Menschen.
Eine Menschenwanderung. Ein nervöses Kichern wollte bei dem Gedanken seiner Kehle entrinnen, doch nur ein heiseres Quietschen war zu hören. Als wäre jemand mit großem Schuhwerk auf eine kleine Maus getreten. Wo wanderten sie hin? Überdeutlich spürte er das unmenschliche Sehnen, dass von einem unbestimmten Punkt in der Ferne ausging. Er musste etwas essen, um es erreichen zu können. Sehr bald schon kam er an einem Supermarkt vorbei, dessen Türen einfach offen standen, ohne das ein Kassierer oder sonst ein Beschäftigter zu sehen gewesen wäre. Dafür lagen überall Essensreste und leere Verpackungen auf dem Boden.
Wie seine Vorgänger auch, machte er sich daran, wahllos etwas aus den Regalen zu nehmen und solange und so viel zu essen, bis nichts mehr in ihn hineinpasste. Dann nahm er in jede Hand eine Flasche Wasser und machte sich wieder auf den Weg, dem Sehnen hinterher, dass sich wieder über seinen Verstand zu legen begann. Bevor er wieder komplett in der Schwärze versank, schnappte er ein paar Wortfetzen aus einer wohl sehr ernsthaften Meldung aus einem Radio auf, das irgendwo einsam vor sich hindudelte.

„…bei Bohrungen auf eine Gasblase gestoßen… katastrophale Auswirkungen… Riss bis in den Erdkern hinein… merkwürdige seismische Schwingungen, stärker werdend… unerklärliche Massenwanderungen ausgelöst…“
Mehr hörte er nicht mehr, aber unwillkürlich hatte er das Bild von einem riesigen Wassertropfen vor Augen, der mit einem gewaltigen „Platsch“ auf die Erde niederfällt und alles unter sich begräbt.
Der letzte Tropfen.

Wirklich wach wurde er seit dem nicht mehr. Manchmal drangen kurze Bilder in die Schwärze hinein, die ihn umgab. Episoden, in denen er nach Essen suchte. Wandernde Nächte unter rot leuchtenden Sternen. Und immer die Sehnsucht. Der Wunsch, endlich nach Hause zu kommen. Je näher er seinem Ziel kam, desto friedlicher wurde er. Seine Schritte wurden immer leichter, die Luft schmeckte herrlich salzig und im Geschrei der Möwen, die seit ein paar Tagen über ihm und den unzähligen Menschen um ihn herum ihre Kreise zogen, lag die Verheißung der Erfüllung aller Wünsche und Träume die er jemals gehabt hatte. Egal wohin seine leblosen Augen blickten, die Menschenmassen reichten bis weit über den Horizont hinaus. Viele waren nackt und auch er begann, sich langsam auszuziehen und seine Kleider Stück für Stück wie eine alte Haut hinter sich zu lassen. Alle Sorgen dieser Welt schienen damit von ihm abzufallen. Nie fühlte er sich befreiter, war er glücklicher in seinem Leben.
Völlig nackt schritt er über einen weichen Teppich aus Kleidern eine Düne empor.

Und wusste, er war am Ziel.

Er blickte hinab aufs Meer, das unter starken Schwingungen vibrierte, wie Wassertropfen auf einer Bassbox. Ein Nebel aus feinen Wassertröpfchen stieg vom vibrierenden Meer auf, soweit das Auge blicken konnte ,und zog langsam aufs Festland raus. Dabei brach sich in ihnen unzählige Male das Sonnenlicht, um damit die ganze Welt in einen Schleier aus Myriaden von winzigen Regenbögen zu tauchen.

Ein seliges Lächeln umspielt sacht seine Lippen, als er langsam den Anderen folgend zum Wasser hinabsteigt. Unglaublich, wie lächerlich einfach die Lösung doch eigentlich war! Warum da keiner früher drauf gekommen ist? Einfach ins Meer zurückzukehren?, dachte er ein wenig erstaunt, als er dem Gesang des Meeres folgte. Sacht kitzelten die ersten Wellen seine Zehen. Sand kicherte unter seinen Sohlen. Wie wunderschön das Leben doch ist, durchfuhr es ihn noch einen Moment.

Dann begab er sich auf alle Viere und kroch zurück ins Meer.

Keine Kommentare: